Es ist nicht übertrieben zu sagen: In vielen Hundeschulen von heute wird nichts anderes praktiziert als das gezielte Abtrainieren dessen, wofür bestimmte Rassen überhaupt gezüchtet wurden. Nicht, weil es dem Hund hilft — sondern weil es dem Menschen hilft, sein soziales Leben stressfreier zu gestalten. Wir haben ganze Programme entwickelt, mit deren Hilfe ein Jagdhund seine Nase verleugnet, ein Herdenschutzhund seine Wachsamkeit, ein Hütehund seine Kontrolle über bewegte Herden. Und wenn der Hund dann trotzdem „nähe sucht“, „jagt“ oder „bellt“ — wird er schnell als „Problemhund“ gebrandmarkt.
Schaut man genau hin, erkennt man das Muster:
Wir wollen das Idealbild vom unauffälligen, stillen Familienhund — möglichst fotogen, möglichst sozialverträglich, möglichst ohne markantes Verhalten. Alles, was auffällt, macht uns Probleme: beim Spaziergang, beim Nachbarn, beim Vermieter, bei der Versicherung, beim Cafébesuch. Also zähmen wir Instinkte, weil sie unbequem sind. Nicht, weil es sinnvoll für den Hund ist.
Konkrete Beispiele — und warum sie so bitter sind:
- Border Collie & Hütehund: gezüchtet, um selbstständig Herden zu lenken, Entscheidungen zu treffen, extrem konzentriert zu arbeiten. Ergebnis vieler Stadt-Hundeschulen: „antreibungsfrei“, hektisch, aber „an der Leine ruhig“. Der Collie, der nichts zu hüten hat, frisst seine Energie auf — und beginnt, Möbel oder Menschen zu ‚hüten‘.
- Jagdhunde (Bracken, Vorstehhunde, Drahthaar): hochsensibel für Spur, Duft und Beute. Moderne Schulhunde sollen „neben dem Fahrrad laufen“ und nur noch kuscheln. Die Folge: Frust, Spurfixierung auf die falschen Dinge, Fluchtverhalten.
- Hüte- und Wachhunde (Rottweiler, Mastiff, Herdenschutzhunde): gezüchtet, um Grenzen zu sichern und zu schützen. Heute werden sie oft „sozialisiert“, damit sie im Stadtpark nicht reagieren. Das Resultat: Unsicherheit, missverstandene Schutzinstinkte, panische Besitzer.
- Nordische Schlittenhunde, Huskys, Malamute: gebaut für Ausdauer, Zugarbeit, kalte Weiten. Die Erwartung: „Soll doch bloß an der kurzen Leine den Kinderwagen begleiten.“ Was bleibt, ist ein innerer Tornado an Energie, der in zerstörerischem Verhalten explodiert.
Warum tun Leute das — warum wählen sie Rassen, die sich nur durch Abtrainieren in ihre Lebenswelt pressen lassen? Hier kommen die bittere Soziologie und die ehrliche, unbequeme Psychologie der Halterwahl ins Spiel:
- Look & Lifestyle über Zweck: Viele Menschen kaufen (oder adoptieren) Hunde nach Aussehen, Trend oder Image. Ein Rottweiler wirkt „cool“, ein Husky „exotisch“, ein Border Collie „intelligent“. Die ursprüngliche Funktion dieser Hunde — Arbeit, Schutz, Jagd — ist sekundär oder unbekannt. Hauptsache das Instagram-Foto stimmt.
- Ignoranz und Fehlinformation: Züchter, Anzeigen und Social Media verkaufen Modehunde. Viele Käufer wissen nicht, welche Bedürfnisse hinter einer Rasse stecken. Hundeschulen werden dann zur Reparaturwerkstatt — „mach aus meinem Herdenschutzhund einen Schoßhund“.
- Gesellschaftlicher Druck: Enge Wohnverhältnisse, Nachbarschafts-Ängste, restriktive Mietverträge, Versicherungsauflagen — all das zwingt Besitzer, ihr Tier „gesellschaftsfähig“ zu machen. Der Hund wird zum Problemlöser menschlicher Konflikte: Er darf nicht bellen, darf nicht springen, darf nicht jagen — weil andernfalls der Besitzer in Konflikt gerät.
- Status & Identität: Ein Hund wird zur Projektion von Persönlichkeit — oft als Bestätigung eines Lebensstils. Das Resultat: der Hund wird entpersonalisiert, zum Accessoire.
- Bequemlichkeit: Hundearbeit kostet Zeit, Raum und Energie. Es ist einfacher, in der Hundeschule „okay, ruhig“ zu trainieren, als dem Tier die tatsächliche Arbeit, die es braucht, zu geben.
Die Folgen sind nicht nur moralisch fragwürdig — sie sind real und schmerzhaft:
- Frust, Stress und Krankheit bei Hunden, die ihre angeborenen Bedürfnisse nicht leben dürfen.
- Verhaltensprobleme, die dann meist mit Medikamenten, Dauerleinen oder Abgabe „gelöst“ werden.
- Stigmatisierung ganzer Rassen als „gefährlich“ oder „problematisch“, obwohl das eigentliche Problem menschliche Fehlentscheidungen sind.
- Tierheime voll mit Hunden, die „nicht in die Familie passen“, obwohl sie perfekt in ihre ursprüngliche Bestimmung gepasst hätten.
Und hier die provokante Frage, die wir uns alle stellen sollten: Warum zur Hölle entscheiden sich Menschen für Hunde, deren Wesen sie wegtrainieren müssen, nur damit ihr soziales Umfeld nicht gestört wird?
Warum kaufen wir einen Gefährten, nur um ihn zu einer gefälligen Version dessen zu machen, was er ist? Warum ist das Wohl der eigenen Reputation wichtiger als die seelische und körperliche Gesundheit eines fühlenden Wesens?
Ein paar unbequeme Wahrheiten:
- Wer einen Hund haben will, aber keine Aufgabe, Zeit und Umgebung bietet — der sollte nicht auf Rasse oder Aufgabe schauen, die er sich schönredet.
- Wer Hundehaltung als Statussymbol versteht, macht das Tier zur Nebensache. Das ist weit schlimmer als ein modischer Fehlkauf — es ist ein moralischer Fehltritt.
- Und ja: Hundeschulen, die primär „Dressur“ für gesellschaftliche Verträglichkeit verkaufen, verdienen damit Geld — aber sie kaschieren ein ethisches Problem: Wir behandeln Tiere so, dass sie in unsere Welt passen, statt unsere Welt an Tiere.
Was wäre radikal anders? Nicht im Sinne von Weltuntergangs-Theorien, sondern im Sinne von Verantwortung: Menschen sollten bewusster wählen, Rassen und Mischlinge entsprechend ihrem Alltag auswählen — oder den Alltag so gestalten, dass er zur Rasse passt. Wer einen Hütehund will, muss ihm Arbeit geben. Wer einen Jagdhund will, muss ihm geistige und körperliche Auslastung bieten. Wer das nicht leisten möchte, sollte die Entscheidung überdenken. Punkt.
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